Schere, Stein, Papier
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Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nie eine Frage wie „Wer bekommt das letzte Stück Kuchen?“ oder „Wer muss abspülen?“ mit Schnick-Schnack-Schnuck bzw. Ching-Chang-Chong oder Schere, Stein, Papier gelöst hat. Es gibt sogar Weltmeisterschaften in diesem Glücksspiel.
Doch um solche Entscheidungen geht es in dem Buch „Schere, Stein, Papier“ nicht, auch wenn der Titel das Spiel meint.
Larkins Familie findet vor ihrer Tür das fast einjährige Findelkind Sophie und nimmt es bei sich auf. Schon bald liebt nicht nur Larkins Familie Sophie. Alle Inselbewohner haben das Mädchen ins Herz geschlossen. Doch bei der Annäherung an das Kind, schwingt auch immer der Gedanke des Abschieds mit, denn irgendwann wird die Mutter Sophie wieder zu sich zurück holen. Durch das Eintreten Sophies in das Leben der Familie von Larkin, wird auch unweigerlich die Beschäftigung mit der eigenen Familie in Gang gesetzt. Vor nur wenigen Monaten starb Larkins Bruder nach der Geburt, was bisher ein Tabuthema in der Familie war. Inwiefern ist die kleine Sophie ein Ersatz für ihn? Was bedeutet Abschied nehmen? Wie kann man das alles in Worte fassen, darüber reden? Larkin, die Ich-Erzählerin des Buches, versucht Antworten auf all die Fragen zu bekommen. Sie stellt ihren Eltern, der Großmutter und ihrem Freund Lalo Fragen und reflektiert Gedichte sowie Aussagen der Lehrerin. Und auch die Auswirkung Sophies nimmt eine wichtige Rolle in ihren Gedanken ein.

Was aber hat das Ganze jetzt mit dem Spiel „Schere, Stein, Papier“ zu tun? Sophie wird sich später, wenn sie schon lange wieder bei ihrer Mutter lebt, an eine Menge Sachen erinnern, bei denen ihr nicht bewusst ist, was sie eigentlich bedeuten. Es sind die Erfahrungen und Erlebnisse, die sie mit den Menschen auf der Insel gemacht hat. Larkins Vater spielt mit dem kleinen Mädchen oft dieses Spiel, das sie neben dem Tanzen miteinander verbindet. Die letzte Kommunikation der Familie mit Sophie, bevor sie mit der Mutter die Insel verlässt, ist dieses Spiel und es ist auch das Erkennungszeichen zwischen Sophie und dem Vater Jahre später als sie sich wieder sehen. Es ist das, woran Sophie sich erinnert:

Manchmal in einer Menschenmenge hörte sie eine Stimme, dann drehte sie sich um unbd suchte ihn. Sie suchte weniger nach seinem Gesicht.
Woran sie sich erinnerte, waren seine Hände. (S. 38)


Die Figuren in dem Buch sind alle liebevoll charakterisiert, auch wenn es am Anfang ein wenig schwierig ist, herauszufinden, wer wer ist und welche Beziehung sie miteinander haben. Zur Familie gehören Vater und Mutter sowie die Großmutter Byrd und natürlich Larkin selbst. Aber auch Lalo, Larkins bester Freund, der oft weiß, wie es Larkin geht und was in ihr vorgeht, steht der Familie sehr nah. Und für ein paar Monate ist da noch Sophie, ein aufgewecktes einjähriges Mädchen mit klarer, heller Stimme.

Die Geschichte wird aus der Sicht Larkins geschildert, doch an einigen Stellen gibt es Einschübe, in denen Sophies Erinnerungen zu einem späteren Zeitpunkt dargestellt werden, was für Kinder, die nicht so oft lesen, irritierend sein kann. Zu jedem Einschub gibt es ein Bild von Quint Buchholz, welche nicht nur sehr schön anzusehen sind, sondern auch, durch die feine Zeichentechnik mit der oft Landschaften und Schatten dargestellt werden, die Stimmung gut widerspiegeln.

Leider stellen sich an die Erzählung auch einige unbeantwortete Fragen: Wo genau spielt sich das ganze ab? Zu welcher Zeit geschieht die Geschichte? Und wieso ist die Schule eine Bibliothek und es wird nur Deutsch unterrichtet?

Insgesamt ist dieses Buch, obwohl die Schrift recht groß und gut lesbar ist, erst für Kinder ab ca. 12 Jahre zu empfehlen, was sich mit dem Alter der Hauptfigur (Larkin, 11 Jahre) ungefähr deckt. Vielleicht wäre es auch gut, wenn ein Erwachsener das Buch mitlesen würde, so dass über Fragen zum Abschied und zum Tod gesprochen werden kann. Darüber hinaus ist es nicht unbedingt für Kinder, die nur wenig lesen geeignet, denn durch die Einschübe und auch durch die vielen Gedanken und Überlegungen sowie die Einfügung eines Gedichtes stellt es einige Anforderungen an den jungen Leser.
Lässt man sich aber auf die Geschichte ein, dann fühlt man schnell mit den Figuren mit und es kann an der ein oder anderen Stelle schon einmal passieren, dass dem Leser ein paar Tränen übers Gesicht rollen.
Das Buch enthält ein Lesebändchen, welches typisch für die Reihe „Junge Bibliothek“ ist.

Schere, Stein, Papier
Junge Bibliothek, Band 6
von Patricia MacLachlan
Süddeutsche Zeitung
ISBN: 3-86615-107-1


Hinzugefügt:  Sonntag, 19. Februar 2006

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